Essbare Städte offenbaren sich in vielfältigen Facetten: Zucchini in der Fußgängerzone ernten, Kräuter vor dem Rathaus pflücken oder Obst in öffentlichen Parks sammeln. Als Experten für nachhaltigen Urbananbau erklären wir das bewährte Konzept und stellen inspirierende Projekte vor.
Was sind essbare Städte?
Hochbeete in der Fußgängerzone oder Obststräucher am Rand von Spielplätzen, Gemüsebeete inmitten grüner Parkflächen oder essbare Pflanzen in vertikalen Anlagen: Essbare Städte lassen sich auf mannigfaltige Weise gestalten. Viele Projekte orientieren sich zudem an Permakultur-Prinzipien.
Die Ziele dieser Initiativen ähneln sich weitgehend: Sie machen den Stadtraum für den Lebensmittelanbau nutzbar und fördern eine lokale Versorgung. So werden Städte resilienter gegenüber der Klimakrise.
Essbare Städte dienen vor allem den Bürgern, stärken das Gemeinschaftsgefühl und ermöglichen Selbstversorgung. Interessierte treffen sich zum gemeinsamen Gärtnern und erwerben praktisches Wissen zu Beetpflege, Aussaat und Gemüseanbau. Die klare Trennung zwischen Produzenten und Konsumenten löst sich auf: Bürger werden zu „Prosumenten“ – Produzenten und Verbrauchern in Personalunion. Das Grün bereichert das Stadtbild und mildert das Klima.
In einigen Städten initiierten Behörden die Projekte, in vielen anderen schlossen sich Bürger selbstständig zusammen, um essbare Städte zu schaffen.
In fast allen essbaren Städten gilt eine einfache Regel, wie sie Andernach prägnant formuliert: Statt „Betreten verboten“ heißt es „Pflücken erlaubt!“
Essbare Stadt vs. Urban Gardening
Der Unterschied zwischen essbarer Stadt, Urban Gardening und Urban Farming ist nicht immer eindeutig: Keines der Konzepte hat eine starre Definition, und sie überschneiden sich oft.
Urban Gardening gilt primär als private Selbstversorgung. Essbare Städte fokussieren hingegen den öffentlichen Raum und die Beteiligung vieler Bürger.
Urban Farming und „essbare Stadt“ beschreiben teils identische Vorhaben. Allerdings umfasst Urban Farming oft den kommerziellen Verkauf der Erträge, während bei essbaren Städten die Ernte privat genutzt oder allen Bürgern kostenfrei zugänglich ist.
Essbare Städte in Deutschland
Die Idee entstand 2008 in Todmorden, England, mit „Incredible Edible“. Mitbegründerin Pam Warhurst beschreibt in einem TED-Talk, wie Essen als gemeinsame Sprache dient, um Räume neu zu sehen, Ressourcen anders zu nutzen und Beziehungen zu stärken.
Deutschland folgte schnell: 2009 starteten die ersten Projekte in Kassel und Andernach. Laut Übersicht der Stadt Minden existieren inzwischen 63 essbare Städte in Deutschland, 90 weitere befinden sich in Planung oder sind angedacht.
- In Kassel engagieren sich über 100 Aktive in einem Verein. Neben Gärtnern organisieren sie Vorträge, Workshops und Filmabende. Gemeinsam ernten sie, einkochen sie oder kochen sie. Der Verein pflegt Gemeinschaftsgärten, vergibt Baumpatenschaften und revitalisiert alte Obst- und Nussbäume – oft nach Permakultur-Prinzipien.
- In Halle entstand ein essbarer Waldgarten: Unter Obstbäumen gedeihen Sträucher und Gemüse, Bänke laden zur Erholung ein.
- Trier richtet einen Küchengarten um das Rathaus ein, ergänzt durch mobile Hochbeete für Kräuter, Obst und Gemüse sowie einen interkulturellen Gemeinschaftsgarten.
Diese Beispiele zeigen die Kreativität essbarer Städte. Sie schaffen Mitmach-, Lern- und Versorgungsräume, die vom Engagement vieler Bürger leben.