Als ich mit der Psychotherapeutin Annette Nunez, M.S., Ph.D., telefoniere, teilt sie sofort ihre eigenen Unsicherheiten bei Videomeetings: „[Bei Videoanrufen] denke ich: ‚Wow, meine Haut hängt!‘“, sagt sie. Wir lachen – erleichtert, dass wir nur telefonieren – und ich erinnere mich an all die Male, in denen mein Blick zu meinem kleinen, pixeligen Videoquadrat wanderte, fixiert auf hormonelle Akne am Kiefer oder die dringend benötigte Brauenfärbung.
In unserer neuen Normalität, in der Interaktionen meist virtuell und zweidimensional ablaufen, ist die Selbstbetrachtung zum Trend geworden. Suchbegriffe wie „Akne“ und „Haarausfall“ dominieren Google-Trends, getrieben durch Pandemiestress. Ein peer-reviewed Artikel in Facial Plastic Surgery & Aesthetic Medicine deutet jedoch hin, dass der ständige Blick auf den Bildschirm unser Aussehen überkritisch macht – Mängel wirken dort vergrößert.
Den ganzen Tag auf Zoom ins eigene Gesicht zu starren, schadet dem Selbstbild nachweislich.
Warum fixieren wir uns auf unser Spiegelbild?
Es gibt klare Gründe, warum der Blick zum eigenen Video wandert: Die lizenzierte klinische Sozialarbeiterin und kognitive Therapeutin Alyssa „Lia“ Mancao, LCSW, erklärt, wir leben in einer äußerlichkeitsfixierten Gesellschaft. „Wir internalisieren diese Botschaften und fokussieren uns in Zoom-Calls auf uns selbst“, sagt sie. Zudem wollen wir sehen, „was andere sehen“ – obwohl es meist nur uns stört.
Für Nunez geht es um Denkmuster. Eine Studie zeigt: Wir haben über 6.000 Gedanken täglich. „Wir grübeln ständig“, betont sie. Viele sind negativ: „Man führt innere Monologe, statt aufs Meeting zu achten, und sucht nach Fehlern.“
Willkommen im Zeitalter der „Zoom-Dysmorphie“
Vor COVID (B.C. – Before Corona) plauderten wir maskenfrei, ohne ständige Selbstkontrolle. Kritik blieb dem Spiegel vorbehalten. Heute sind wir uns in Echtzeit unserer Mimik bewusst. Der Artikel warnt: Das gefährdet die Psyche und treibt zu unnötigen Behandlungen – ein neues Phänomen namens „Zoom-Dysmorphie“.
Die zertifizierte Dermatologin Jeanine Downie, M.D., bestätigt einen Anstieg von Anfragen zu Zornesfalten, Pigmentflecken, Falten und Akne. Sie sprach sogar in der Today Show darüber.
Das Problem: Die Webcam verzerrt. „Beleuchtung, Winkel und Pixelierung erzeugen eine dysmorphische Version“, sagt Nunez. Studien belegen: Kurze Brennweiten (wie bei Webcams) lassen Gesichter runder und Züge größer wirken.
Filter wie Zooms „Aussehen verbessern“ sind nur Pflaster. „Zweischneidiges Schwert“, warnt Mancao: „Man fühlt sich besser – bis der Filter weg ist.“
Praktische Tipps gegen Zoom-Dysmorphie
2020 hat Videocalls Realität geschaffen. Sie verbinden uns sicher. Bei Dysmorphie-Gefühlen raten Nunez und Mancao:
- Kamera ausschalten: Kurzfristig ideal, um Selbstkritik zu vermeiden.
- Video verdecken: Kleben Sie ein Post-it übers Raster. Oder: Kamera an, aber Blick auf Gesprächspartner richten – echte Herausforderung!
- Spiegelübung: Schauen Sie 2–3-mal täglich 10 Sekunden in den Spiegel und sagen Sie etwas Positives. „Anfangs schwer, dann verändert es die Wahrnehmung“, sagt Nunez.
- Negative Gedanken umkehren: Notieren Sie post-Call-Gedanken und wandeln Sie sie positiv um. „Muster werden sichtbar – lernen Sie, Unveränderbares zu akzeptieren.“
- Social Media meiden: „Filter verzerren Erwartungen“, warnt Mancao. Vergleichen Sie nicht vor Calls.
Der Weg nach vorn
Putzen Sie sich ruhig heraus – es gibt Kontrolle. Bei anhaltender Angst: Graben Sie tiefer. „Schlechtes Gefühl vor/nach Calls signalisiert Grundprobleme“, rät Nunez.
Mancao: „Körperbild verändert sich. Unterscheiden Sie Realität von Verzerrung – klicken Sie auf ‚Teilnehmen‘.“